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Me&Mo (Photo: Krister Atle-Sahlén)

Tokio, 13. Oktober 2011

In der Ära nach der Oprah Winfrey Show hat der Begriff „Appreciation List“ neue Konnotationen erhalten: Antidepressivum, Bescheidenheitsübung, realistische Selbstprüfung oder engagiertes Streben nach positiver Energie, um mehr zu erlangen …

Ich würde all diese Aspekte unterschreiben … :-)

Und obwohl ich heute Morgen einige der Menschen, die ich auf der ganzen weiten Welt am meisten liebe (!!), wahnsinnig vermisse und deshalb dem Selbstmitleid fröne (Häagen-Dazs noch vor 11:00 Uhr!), waren es mal wieder die kleinen Dinge, die kleinen Dinge des Lebens, die mich aus den Socken gehauen haben, mich zum Schweigen brachten, mich auflaufen ließen oder mich zu Tränen rührten … nicht, weil sie so gewaltig, so intensiv oder so lebensverändernd sind, sondern aufgrund ihrer absolut zeitlosen Fähigkeit, mich mit leichter Berührung zu erinnern.

Mich wieder zu erinnern.

Vor eineinhalb Jahren war mein Leben ein bisschen zu anstrengend. Ich litt unter ernsthaften Gesundheitsproblemen, verursacht durch innere und äußere Umstände. Ich fand mich plötzlich an einer Kreuzung wieder und musste entscheiden, wie bzw. ob ich weitermachen sollte.
Gelegentlich treffe ich Menschen, die sich bewundernd, zumindest aber anerkennend äußern, weil ihnen bewusst ist, was ein solcher Lebensstil kosten muss. Die Opfer, die zu einem Leben auf Reisen gehören. Die gänzlich einseitige Verpflichtung und der daraus resultierende Ausschluss des Normalen sind aber absolut unverzichtbar, um die kreative Reinheit zu steigern und sich selbst ständig zu verbessern.
Ich habe nie allzu viel darüber nachgegrübelt … Eigentlich habe ich immer betont, wie außerordentlich glücklich ich darüber bin, einen Job zu haben … insbesondere, wenn man den Zustand dieser Welt insgesamt in Betracht zieht.
Ich fühle mich immer noch vom Glück begünstigt. Und ich bin sehr dankbar für die Arbeit, die ich immer wieder finde. Aber ich lasse keinen Graben mehr zu zwischen dem, was ich tue, und dem, was mir tatsächlich geschieht. Denn das ist kaum dem Zufall geschuldet. Und ja, dieser Job hat seinen Preis! Glücklich „erfolgreich“ zu sein ist weder einfacher noch schwieriger, als unglücklich zu „proben“ … aber es ist völlig anders, und die Einsätze werden immer höher.

Mir ist natürlich bewusst, dass es nach allen gängigen Standards ein Glücksfall war, der eine Kellnerin auf die Bühne katapultiert hat. Nur Gott und die Kräfte des Universums selbst wissen, ob das auf ein Verdienst zurückzuführen ist – oder eher nicht.
Was seitdem geschehen ist, lässt sich am einfachsten beschreiben, indem man die Ergebnisse betrachtet, die ich selbst beeinflussen konnte – durch meine Taten und Entscheidungen, durch meine Entwicklung und mein Bewusstsein und insgesamt durch meine Bereitschaft in jedem einzelnen Augenblick. Oder deren Fehlen.

Meine Karriere begann vor sieben Jahren. Sie eröffnete vielfältige Gelegenheiten. In einem Zeitraum, in dem vieles ausprobiert, getestet, gefunden, behalten, verworfen, verbessert, neu bewertet, erfahren, ausgedrückt, verinnerlicht, verstärkt oder errungen wurde. Darauf bin ich stolz! All dies hat mich zu einer besseren Künstlerin und – noch wichtiger – zu einer vielseitigeren Person gemacht.

In diesen Zeitraum fielen einige der erstrebenswertesten Erfahrungen in meinem Umfeld (und vielleicht auch einige weniger erstrebenswerte Erfahrungen!!). Außenstehende einer bestimmten Denkungsart könnten fragen: „Was ist nur mit ihr geschehen …?“

Aber ich habe das Gefühl, endlich mein Gleichgewicht gefunden zu haben und bereit zu sein. Ein Gleichgewicht zwischen meinem Innenleben und der Außenwelt. Und die Bereitschaft für die Arbeit, die mein wahres Ich, meine Stimme und all meine Gefühle und Empfindungen ausdrückt.

Als meine Karriere begann, lautete die Frage immer: „Was kann funktionieren???“
Oder mit anderen Worten: „Wie bekommst du den Job?“
(Tatsächlich war dies wohl der meistgebrauchte Satz aller Lehrer, Coaches und Casting-Verantwortlichen – insbesondere in den Vereinigten Staaten!)
Zu der Zeit bestand die Antwort darin, als unbekannte Turandot wie aus dem Nichts aufzutauchen.
Und es hat funktioniert! Und ich kann diesen hohen Eisprinzessin-Noten noch heute Leben einhauchen. Dabei kommt eine meiner in New York erworbenen Überlebensfähigkeiten zum Einsatz: „Der Job wird erledigt“ – unter allen Umständen …!

Außerdem ist dies etwas, was mir relativ leicht fällt.
Aber … es ist nicht unbedingt das, wonach sich meine Stimme sehnt und was ihr gut tut …
(Und an diesem Punkt komme ich zurück auf …)

Vor einigen Tagen fragte mich jemand, was ich beruflich noch erreichen wolle … Es fiel mir gar nicht leicht, die Frage zu beantworten. Vor sieben Jahren hätte ich aus dem Effeff eine ellenlange Liste vorlegen können. Aber was soll man sagen, wenn man alles, was man je angestrebt hat, bereits erleben durfte? (Und ganz nebenbei, das war weniger erfüllend, deutlich enttäuschender und zugleich viel beeindruckender und spaßiger, als ich es mir je vorgestellt habe!)

Ich denke, die Antwort lautet, dass ein jedes Ding seine Zeit hat.

Mein Leben vor meiner Karriere war die Zeit, in der ich Erfahrungen sammelte, Freundschaften begründete und solide Fundamente für meine persönliche Entwicklung und mein Verhältnis zur Welt, zum tagtäglichen Leben schuf, in der ich die für mein Überleben erforderliche Selbstsicherheit und Kompetenz erlangte, in der ich mich selbst als menschliches Wesen erkannte – kein Talent, kein Produkt, keine besondere Person … einfach ich.

Und um ganz ehrlich zu sein, dies war die richtige Zeit, in New York zu leben, einen Freund zu lieben, Filme anzusehen … zusammen mit Komikern und Medizinstudenten und Jazzmusikern und Schauspielern zu kellnern … Zeit vor dem Fernseher zu verschwenden – mit Take-away-Mahlzeiten vom Chinesen … zu entscheiden, was man wann, wo und mit wem machen will … zum Studieren, Singen, Lernen, Scheitern … und zum Experimentieren mit Philosophie, Religion und Psychologie … Um zu wachsen und klüger zu werden und ALLES aufzusaugen!
Ich LIEBE diesen Abschnitt meines Lebens. Und wenn andere Menschen in diesem Geschäft meinen, dass mich diese Zeit zurückgeworfen hat, werde ich traurig, weil sie den Wert nicht erkennen, der den Erfahrungen eines normalen Lebens innewohnt – gerade, wenn man ein ernsthafter Künstler sein will.

So waren auch die vergangenen Jahre meiner noch kurzen Karriere einfach großartig! Eine Achterbahnfahrt ungeheurer Erfahrungen, Herausforderungen, Erfolge und Rückschläge, gelernter Lektionen, gefestigter Freundschaften und Allianzen, definierter und umdefinierter Prioritäten …

Aber was „funktioniert“ hat, um eine Karriere in diesem mörderischen Geschäft zu starten, funktioniert nicht notwendigerweise auch langfristig … Und eine unerwartete Sensation ist nach einigen Jahren so attraktiv, wie die halbleere Flasche Champagner am Morgen danach … :-)
Also, das vergangene Jahr war ein Jahr schwieriger Entscheidungen und neuer Anfänge.
Neben dem Umzug nach Europa, einer alles überragenden Veränderung im Management, der Arbeit mit einem neuen Lehrer und der sinnvollen Beschränkung meines Repertoires …
Ich sage einfach mal, dass es einige große Veränderungen gegeben hat.
Aber mit echtem Potenzial.

Wenn man sich die Zukunft als eine Zeit vorstellt, in der man seine wildesten Träume bereits wahr gemacht hat, hat dies den unschätzbaren Vorteil, dass man die Hoffnungslosigkeit nicht mehr spürt.
Genauer sollte ich sagen, die Hoffnungslosigkeit der Jugend …
In der man sich beweisen will, ein Zeichen setzen, erfolgreich sein …
Gleichzeitig fehlt aber der Hunger, der Menschen so oft dazu antreibt, auch das Unwahrscheinliche zu erreichen.

Worum geht es also? Welche Karotte lässt mich die Straße auf dem Weg zu meiner erneuerten Selbstfindung hinunterjagen? Lernen, das Tempo mitzugehen und dabei Energie zu schaffen, statt zu verbrauchen?
Eine Portion Eis alleine in einem Apartment hoch über Tokio verdrücken, statt mit MEINEN Freunden auf MEINEM Sofa vor MEINEM Fernseher zu sitzen?? (Übrigens stark unterbewertet!!)

Heute Morgen sah ich mir die Rede an, die Steve Jobs vor einigen Jahren für die Absolventen in Stanford hielt. Und ja, die Antwort liegt in dem wohl meistzitierten Abschnitt:
LIEBE, was du tust! Und mach das, was du tust, mit großer HINGABE!
Hier zu sehen: www.ted.com

Diese eine Entscheidung rückt alle anderen Möglichkeiten in Reichweite.

(Denk nur einmal darüber nach! Andere gute Sachen werden erst möglich, weil du liebst, was du tust, und wenn du liebst, wo du stehst! Es ist eine riesige, kompromisslose Herausforderung, der ich begegnen muss – aber ich habe endlich verstanden, dass dies so fundamental wie das Gesetz der Schwerkraft ist. Und im Zentrum jeder Kreativität steht!)

Eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich jemals getroffen habe, war die zur „Neugestaltung“ meiner Stimme mit meinem neuen Lehrer. Ich wurde gefragt, warum ich glaube, dass dies erforderlich sei – schließlich arbeite ich mit ziemlich schwerer Musik und singe durchaus erfolgreich. Aber … wie soll ich sagen … das kam aus dem Bauch. Ich wusste in der Tiefe meines Herzens, dass ich mein Instrument verschwendete … es zu dem zwang, was nötig war, nicht zu dem anleitete, was möglich war.
Ich habe meinem Instrument befohlen, meine Zwecke zu erfüllen, und ich habe ihm nicht erlaubt, seine eigenen zu offenbaren …

Und genau das ist der Punkt, nicht wahr?
Seit Jahren rede ich über die befreiende Kraft der Musik – das eigentliche Ziel des Gesangs! Und das Traurige an einer Karriere im Bereich der Oper liegt darin, dass eine solche Karriere so schnell davon abgelenkt, was das eigentlich Befreiende ist – das Erlebnis der menschlichen Stimme!
Mit all ihrer Stärke, Unverwüstlichkeit, Schönheit, Natürlichkeit, ätherischen Fragilität …
Tatsächlich öffnet sie den direkten Zugang zur menschlichen Seele!

Und es ist eine der bewegendsten Erfahrungen meines Lebens, die unendliche Großzügigkeit zu entdecken, die meine Stimme mir offeriert, wenn ihr nur der mindeste Respekt und die mindeste Aufmerksamkeit entgegengebracht wird … Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes willig
Aber sie hat eigene Regeln und folgt eigenen Wegen.

Und das ist bei Gott schwierig mit der Organisation eines berechenbaren und dauerhaften Lebens als Opernkünstlerin zu kombinieren!

Ich kann nicht garantieren, dass es mir gelingen wird, das wahre Potenzial meines Instruments auszuschöpfen. Aber ich werde mein Bestes geben!
Und das ist – überraschenderweise – der Kern dessen, was ich möchte.
Ganz einfach.

Jeder Sänger/Künstler glaubt in seinem tiefsten Inneren an seine Begabung.
Dass in ihm ein Talent verborgen liegt, dem Bahn gebrochen und Ausdruck verliehen werden muss.
Ich glaube das auch.
Meine Talente sind die Stärke meines Herzens und meines Willens (das teile ich mit allen Menschen!) …
Und diese Stimme! Ihre fragile, einzigartige, starke, lebhafte, schwer fassbare, weiche und beängstigend vergängliche Körperlichkeit …
Überraschenderweise hat SIE etwas zu geben – etwas vollkommen anderes, als die Kunst des Überlebens, für die sie bisher „missbraucht“ wurde …
Etwas, das weit über mich hinausreicht …!

Hoffnungslosigkeit, Unglück und Existenzkampf können durchaus als notwendige „Übel“ betrachtet werden, die kreative Persönlichkeiten überwinden müssen. Es ist aber meine tiefste Überzeugung, dass die reine, tiefe und persönliche Kreativität aus der erlebten Sicherheit und Reife sowie Einsicht und Ausgelassenheit erwächst.
Reife und Einsicht können durch ein Unglück vertieft werden, darunter leiden aber die Ausgelassenheit und das Gefühl der Sicherheit … Die Integration dieser Aspekte verlangt Ausgeglichenheit und Geduld … und Humor!
Nicht einfach zu erlangen und zu behalten – für niemanden, nirgendwo.

Gott sei Dank wachse ich an Herausforderungen … :-)

Wenn man all dies bedenkt, hat die Reise eigentlich gerade neu begonnen.
Welche bewussten Entscheidungen kann ich treffen, um die Reise zu erleichtern?
Wie kann ich meiner Intuition feinfühliger folgen?
Wo sind die Menschen, die das Potenzial hören und sehen und der sich abzeichnenden Zukunft einen sicheren Raum zur Entfaltung bieten?

Während ich mich nun „langsam beeile“, wie wir im Schwedischen sagen, möchte ich euch an all den lustigen und spannenden Dingen teilhaben lassen, die ich in letzter Zeit wertschätzen durfte … denn ja, ich glaube, dass Wertschätzung das Herz von Kreativität, Demut und Liebe ist …

Der Hund, den ich regelmäßig alleine in Venedig spazieren sehe und dessen Eigentümer kein bisschen besorgt darüber ist, dass sich der Hund 30 Minuten von seinem Zuhause befindet (wir haben angerufen und gefragt!!)

Auf einem Flug nach Leipzig kamen nach uns Geschäftsreisenden 25–30 junge Austauschstudenten mit Rucksäcken und Einkaufstüten an Bord des kleinen Flugzeugs – jeder hatte natürlich einen Fensterplatz angefordert und jeder führte extrem private Unterhaltungen … immer auf der Suche nach dem richtigen Platz!

Ein Muslim, der seine Abendgebete im strömenden Regen verrichtete, wobei er auf einem kleinen trockenen Stein kniete – auf den Stufen einer aufgelassenen Kirche …

Proben: Perfekt organisiert und geplant unter klarer, offener und charmanter Leitung!

Neben einem kleinen italienischen Mädchen sitzen, das beim Singen in deutscher Sprache (Mahlers 8.) sein Herz zu Markte trug – mit den weichsten, fast unhörbaren italienischen Konsonanten und mit einem Legato, für das man sterben möchte … und sie trug hautenge, glänzende und silberfarbene Leggings … :-)

Mahlers 8. …

Die Tatsache, dass du auf einem Plan der U-Bahn in Tokio genau feststellen kannst, welche Waggontür du benutzen musst, um möglichst nah zu dem Ausgang der Station zu gelangen, den du benutzen solltest …

Die Tatsache, dass der rollstuhlfahrende Reisende in der Tokioter U-Bahn auf die Unterstützung eines Mitarbeiters an der Waggontür vertrauen kann, der dem Reisenden nicht nur (mit seiner eigenen Rampe!) aus dem Zug hilft, sondern ihn auch auf die Straßenebene oder zu seinem Anschlusszug bringt.
Es tut mir leid. Mir ist natürlich bewusst, dass die Pedanterie japanischer Organisation manche Menschen verrückt macht. Aber ich muss sagen, dass es mir gefällt, wenn man bestimmte Sachen da findet, wo man sie erwartet … und zwar dann, wenn man sie erwartet. Es liegt Klarheit und Respekt darin, Dinge nicht einfach aus dem Ruder laufen zu lassen und zu erwarten, dass andere Menschen sich darum kümmern. Ich glaube, es ist die Schwedin in mir, die dies so sehr mag … :-)

Japanische Fans drücken tränenreich ihre Dankbarkeit dafür aus, dass wir gekommen sind – trotz des Erdbebens …

Vier letzte Lieder von Strauß …

Meine Schwester …

Unkontrollierbares Kichern …

Kartoffelchips mit Schokoladenüberzug … (glaubt mir!!)

Liebe in all ihren Inkarnationen …

Wenn ich in die Zukunft blicke, mit all ihren Unsicherheiten und den vielfältigen Möglichkeiten, meinem neuen Heim in Wien, dem unentdeckten Land der kommenden 15 Jahre musikalischen Ausdrucks, mit Freundschaften und persönlichen Beziehungen, die mir so viel bedeuten …
Diese Vielfalt berührt mich zutiefst …
Die scheinbar endlose Fülle an Wundern!



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